Notizen erstellen ist mein Persönlichkeitstraining

Note

Die meisten Menschen erstellen Notizen, um nichts zu vergessen. Ich tue es auch, um mich besser kennen zu lernen.

Das klingt sicherlich seltsam. Aber je mehr Notizen ich in den letzten Jahren erstellt habe, desto klarer wurde mir, wer ich bin, was ich wirklich will und wohin mich meine Gedanken ziehen, wenn ich diese nicht unterdrücke. Mein Notizsystem ist kein externes Gedächtnis. Es ist ein Spiegel.

Und dieser Spiegel hat mich überrascht.

Note-Taking und Note-Making: ein wichtiger Unterschied

Es gibt zwei Arten, mit Notizen umzugehen, entscheidend ist der Unterschied.

Note-Taking ist das Aufzeichnen von Informationen. Man hört etwas, liest etwas, notiert es und hofft, es später wiederzufinden. Das ist ziemlich passiv und verursacht im Kopf noch kein Erinnern. Grundsätzlich brauche ich dafür kein Notiztool, da reicht schon eine einfache Liste oder eine Inbox in einem Taskmanager Todoist.

Note-Making ist etwas anderes. Dabei frage ich mich bei jeder Notiz vier Dinge:

  • Was ist das eigentlich?
  • Warum ist es für mich wichtig?
  • Wie kann ich es nutzen oder weiterdenken?
  • Welchen Link kann ich zu einer anderen Notiz setzen?

Diese Fragen klingen simpel. Aber sie machen aus einem passiven Ablagevorgang einen aktiven Denkprozess, da ich jede Notiz mit mindestens einer weiteren verlinke. Und genau in diesem Denkprozess lerne ich mich kennen.

Was meine Notizen über mich verraten

Wenn ich meine Notizen über die letzten Jahre ansehe, erkenne ich Muster, die mir vorher nicht bewusst waren.

Immer wieder tauchen dieselben Themen auf: das Verbinden von Notizen, Geben, Afrika, Gesundheit, Achtsamkeit und das Reisen als innere Erfahrung. Ich habe nie bewusst entschieden, diese Themen zu verfolgen, sie haben sich durch meine Notizen einfach gezeigt.

Nick Milo nennt diesen Prozess Idea Emergence: Kleine Ideen, die man notiert und miteinander verknüpft, wachsen langsam zu größeren Mustern heran. Was am Anfang wie Chaos aussieht, ergibt irgendwann eine Form. Und diese Form bin ich.

Das ist der Grund, warum ich seit Jahren in Obsidian notiere und meine Notizen miteinander verlinke. Nicht für Produktivität, sondern weil die Verbindungen zwischen meinen Notizen mir zeigen, was ich wirklich denke, das ist ehrlicher als jedes Persönlichkeitstest-Ergebnis.

Nur erfassen, was wirklich überrascht

Ein Fehler, den ich früher gemacht habe: alles aufzuschreiben. Viele Zitate, jeden Gedanken, jede Information, die irgendwie interessant klang. Das habe ich gerade bei der Nutzung von Evernote gemerkt, wo ich jeden kleinen „Schnipsel“ festgehalten habe.

Das Ergebnis waren überfüllte digitale Notizbücher ohne Seele.

Heute halte ich mich an einen einfachen Grundsatz, den Tiago Forte so formuliert hat: Nur das erfassen, was mich wirklich überrascht und was ich noch nicht kenne. Denn wenn ich schon weiß, was ich denke, brauche ich es nicht zu notieren. Aber wenn mich etwas trifft, wenn es ein Gefühl auslöst oder einen Widerspruch zu einem bestehenden Gedanken erzeugt, dann ist das ein Signal.

Diese Signale sind mein Persönlichkeitstraining.

Notizen für das zukünftige Ich

Matthew McConaughey hat in seinem Buch Greenlights gesagt.

„I never wrote things down to remember; I always wrote things down so I could forget.“

Das hat mich beim ersten Lesen verwirrt, beim zweiten Mal hat es alles klar gemacht.

Wenn ich eine Notiz erstelle, muss ich sie nicht mehr im Kopf behalten. Mein Gehirn ist frei. Und genau diese Freiheit erlaubt mir, tiefer zu denken, weil ich nicht gleichzeitig damit beschäftigt bin, Dinge festzuhalten.

Meine Notizen sind dabei nicht für das gestrige Ich. Sie sind für das zukünftige Ich, das irgendwann auf eine Idee stößt, die damals noch nicht bereit war.

Fazit

Note-Taking als Persönlichkeitstraining zu verstehen hat meine Beziehung zu Notizen komplett verändert. Ich notiere nicht mehr, um zu archivieren. Ich notiere, um zu denken und um Muster zu identifizieren. Um herauszufinden, wer ich bin und wer ich sein will. Das habe ich gerade in einem Workshop mit Christian Bischoff vor ein paar Jahren in Bielefeld erlebt. Auf meine Notiz, die ich im Anschluss erstellt habe, referenziere ich immer wieder zurück.

Das bedeutet je mehr persönliche Notizen ich erstelle, desto besser lerne ich mich kennen. Das ist kein Produktivitäts-Hack. Das ist einfach, was passiert, wenn man anfängt, ehrlich mit seinen eigenen Gedanken umzugehen und diese regelmäßig zu reflektieren. Dabei hilft mir auch mein kleiner Zettelkasten mit ganz persönlichen Buch-Notizen und Momenten aus dem Alltag, die mich zu einem bestimmten Gedanken inspirieren.

Tipps

Womit kannst du gleich jetzt starten? 3 Tipps auf die ✋

  1. Stelle dir bei deiner nächsten Notiz diese vier Fragen: Was ist das? Warum ist es für mich wichtig? Wie kann ich es nutzen? Und wie kann ich diese mit anderen Notizen verlinken?
  2. Erfasse nur das, was dich wirklich überrascht, lösche alles andere bedenkenlos.
  3. Schau dir nach einem Monat deine Notizen an und suche nach wiederkehrenden Themen. Was davon wusstest du vorher nicht über dich?

👉 Welche Muster hast du in deinen eigenen Notizen entdeckt oder würdest du gern entdecken?

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